Garten-Kolumne
24.05.2010  

Die Eisheiligen stehlen zwei Kohlrabi

Gartenparzelle von Wolfgang Müller im Mai
Meine Güte, so viel über das Wetter nachgedacht habe ich schon lange nicht mehr. Seit ich Beetbesitzer bin, starre ich viel öfter in den Himmel. Und plötzlich ist auch mein Interesse für alte Bauernregeln wach.
 
„Pflanz' mich im April, und ich wachse, wann ich will. Pflanz' mich im Mai, und ich wachse gleich.“ Mit dieser Weisheit überraschte mich die ältere Dame, die Blumen und Gemüse auf der benachbarten Parzelle hegt. Sie erklärte, diese Regel gelte für Kartoffeln. Beziehungsweise sei sie nicht sicher, erklärte sie gleich weiter, ob diese bereits etwas ältere Weisheit auch heute noch gelte, denn das Klima habe sich verändert: Das harte Wetter von einst ist milder geworden.
 
Tatsächlich fehlt im Kartoffelabschnitt von einem klaren Wachstumskonzept jede Spur. Einige Pflanzen ragen bereits mehrere Zentimeter aus dem Boden, an anderen Stellen rührt sich rein gar nichts. Ich hatte die Knollen bereits im April gelegt und nun tun manche meiner Kartoffeln so, als wüssten sie genau über die alte Weisheit Bescheid und wollen sich partout daran halten.
 
Auch eine andere, bereits etwas ältere Beobachtung traf in diesem Jahr zu: Ein paar Tage gegen Mitte Mai wurde es noch einmal ziemlich kalt. „Eisheilige“ heißen diese Tage, den Abschluss bildet am 15. die „kalte Sophie“. Ihr gebe ich heimlich die Schuld am Tod von zwei meiner Kohlrabi-Pflanzen. Allerdings habe ich vergessen, eine Überwachungskamera über dem Kohlabschnitt zu installieren, dann wäre alles klar gewesen und die kalte Sophie säße jetzt hinter Gittern und dürfte zur Strafe ein Jahr lang nur Eissalat essen.
 
Ich hätte sie retten können – die Kohlrabis, nicht die Sophie. Das weiß ich aber nur, weil einige Nachbarn mal wieder schlauer waren als ich – sie legten schützende Vliese über die etwas kälteempfindlicheren Jungpflanzen. Wenn es allerdings ab jetzt hoffentlich wärmer wird, hält sich mein Verlust noch in Grenzen. Zumal ich Glück habe: Von gefräßigen Schnecken fehlt bisher fast jede Spur, und das, obwohl es geregnet hat, als wäre Regen die neue Frühjahrsmode.
 
Ansonsten habe ich das Unkraut gejätet, und zwar bereits im Zwei- bis Sechsblattstadium (siehe Kolumne „Unkraut im Achtblatt-Stadium“). Hier überrascht mich der Löwenzahn: Das scheint ja regelrecht der Weisheitszahn unter den Unkräutern zu sein: So tief wie der wurzelt. Meine Güte, so viel über Zähne nachgedacht habe ich auch schon lange nicht mehr.
 
Fortsetzung folgt ...

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