Lese-Tipps

BIOKAPITAL

Auf der Suche nach einem neuen Kapitel: BIOKAPITAL
 
 
Buchtipp von Rupert Neudeck:
Andreas Weber: Biokapital 
 
 
Man glaubt man sei an manchen Stellen bei einem Jules Verne der Natur-Romantiker angekommen, muss dann aber lesend erleben, dass sich die Romantik nicht beißt mit der Realität, nicht mal mit der von Geschäften. „Geben Sie mir zehn Quadratkilometer von diesem Land“, zitiert der Autor den Biologen Edgar Reisinger von der Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie. Man könnte, spinnt der Biologe weiter, einen zweiten Krüger-Nationalpark hier errichten. Mit all den Tieren, wie sie früher einmal die großen Landschaften geprägt haben: Auerochsen, Wisenten, Wildpferden. In Südafrika sei Natur ein großer Wirtschaftsmotor. 1,3 Mio. Beschäftigte verdienen ihren Lebensunterhalt im Kapstaat in irgendeiner Form mit dem Naturschutz. Natur sei ein Wohlstandsfaktor, meint dieses Buch, und in einer Zeit, in der die Biosphäre zunehmend bedroht ist, der wichtigste.

Ganz unromantisch beschreibt der Chef der Agrar GmbH im thüringischen Crawinkel, Bley,  die  neue Realität: Er hält seine Tiere nicht im Stall. Die 500 Pferde und 1500 Rinder sind auch nicht gewöhnliches Vieh. „Die meisten von ihnen gehören keinen hochgezüchteten Rassen an. Wie die massigen Heckrinder mit ihren gebogenen Hörnern sind auch die Konik-Pferde, die aschfahlen Islandponys ähneln, eine halbwilde Rückkreuzung, die prähistorische Vorfahren abbilden soll“.  Das alles sei Heimat, Naturheimat, in manchen Landschaften besonders anziehend, in der Toskana, in den estnischen Waldweiden und der afrikanischen Savanne. Das sei, so die Botschaft des Buches, auch in Deutschland möglich.

Und: Die Landschaft, die unserer Seele wohltut, ist zugleich ein lohnendes Geschäft.
Das Buch ist ganz alternativ und ganz praktisch. Es bezweifelt den überflüssigen Pflegeaufwand, der für viele solche Biotope betrieben wird. Aber damit der Naturschutz endlich größeren Erfolg hat, müsse er es sich leichter machen. Man müsse das Wildweidesystem wieder wachsen lassen. Das Buch propagiert ein lebensrettendes Netz für unsere Kulturlandschaft und ihre Bewohner. Der Plan scheint nur auf den ersten Blick ein unbezahlbarer Luxus. Die Gesellschaft könnte ihn sich für das gleiche Geld leisten, das sie heute einer unrentablen und umweltschädlichen Landwirtschaft schenkt

Wie bei einem der großen Natur-Schriftsteller der 50 Jahre (Albert Camus) so schließt auch Andreas Weber mit dem, was wir dann hinzuverdienen: Die lebenserhaltenden Dienste der natürlichen Vielfalt, die Wasser säubert, Kohlendioxid vergräbt – und die den größten Schatz gratis bereitstellt: GLÜCK.

Flugbenzin sei nur deshalb steuerfrei, weil die Konzernchefs das so wollen. Die Agrarchemie sei nur darum so weit verbreitet, weil die chemische Industrie sie auf allen Ebenen mit viel Geld in den Markt drückt. Weil die Lobbyisten, im Vorhof der Macht, vor und in den Parlamenten unsere Volksvertreter bezirzen, manchmal die besten Leute aus den Ministerien herauslocken mit exorbitanten Gehältern. Das Buch zitiert den Vorsitzenden des US-Finanz-Komitees im amerikanischen Senat, Chuck Grassley, der sagte: „In Washington können Sie keinen Schritt machen, ohne mit einem Lobbyisten der Pharma Industrie zusammenzustoßen“.

Jedes Kongressmitglied würde allein von zwei Pharma Vertretern in Schach gehalten. Und er benutzt ein Vergleichsbild vom Fußball. Das sei eine Mann-Deckung, die intensiver sei als bei einem Fußball-Länderspiel. In Europa sei das nicht weniger. 15.000 Vertreter spezieller Interessen umschmeicheln die Mitglieder der EU Regierung und wenden dazu 60 bis 90 Mio. Euro auf. Lobbygruppen machen Verdummungskampagnen und setzen Regierungen unter Druck. Der Mineralölkonzern Exxon Mobil sagt in einer Millionen-Dollar Kampagne zum CO2: „Ihr nennt es Verschmutzung, wir nennen es Leben!“

Das Buch ist deshalb so gut, weil es sich nicht in den großen Höhen der Gipfelpolitik, sondern auch ganz unten aufhält. Es enthält für jeden Leser eine überraschende Botschaft. Wir alle müssen uns ändern. Wir müssen unsere Freiheit begrenzen, sonst wird sie Despotie. Unser abendländisches Erlösungsprojekt sei an sein Ende gekommen. Noch lässt es sich so gerade exportieren, Millionen in Asien kaufen es, aber ihre schiere Masse wird die Verheißung schneller als befürchtet vereiteln.

Unsere Gesellschaft steckt in einer Pathologie der Seele, die sie nicht zugeben mag. Wir klammern uns an den fossilen Komfort-Lebensstil, weil wir immer noch glauben, dass er zu den unverzichtbaren Lebensnotwendigkeiten gehört. Dabei sei es dieser Komfort-Lebensstil und ein Übermaß an Alkohol, an Kokain, der unsere seelische, physische und planetarische Gesundheit zerstört. Werden wir zu der schon von Albert Schweitzer propagierten Politik des Lebens in der Lage sein? Wird uns als Zivilisation die Suchttherapie gelingen?

Diese Sucht-Welt, in der wir leben, zerstört Qualitäten wie Freundschaft, partnerschaftliche Nähe, Vertrautheit mit dem eigenen Nachwuchs, alles Werte, die man nicht kaufen kann. In dem „Verblendungszusammenhang“ (wie er schon von Adorno und Horkheimer beschrieben wurde vor der 68er zeit) nehmen wir teil an einer großangelegten Verschwörung zur Vernichtung von Glück.
 
In den USA verdient ein Prozent der Bürger ein Fünftel aller Einkommen; die Ärmere Hälfte der Bevölkerung trägt nur knapp 13 Prozent zu den Einkünften bei. 1980 verdiente ein Unternehmenschef im Schnitt das 40fache seiner Angestellten, heute hat er 531mal so viel. Die 500 Reichsten der Erde verfügen über so viel Vermögen wie die ärmsten 2 Milliarden Menschen des Planeten. Aber die Reichsten sind nicht glücklicher als ein Bauer, in irgendeinem indischen Bundesstaat, der seine Familie anständig über die Runden bringt.
Aber ich denke, dass wir noch nicht so weit sind. Psychologen haben das schale Glück der Reichen untersucht. Glück beglückt nur solange, bis das Leben einigermaßen abgesichert ist. Was den Mitgliedern der Affenart Homo sapiens eine tiefgreifende Zufriedenheit schenkt, ist der Status. Heute sei der Status an Geld und Publicity gekettet. Beides sind höchst flüchtige Güter.
 
Ein in jeder Hinsicht aufregendes, erfrischendes Buch.

Erscheinungstermin: 4. Oktober 2008
Quelle:
Rupert Neudeck 2008
GRÜNHELME 2008
 

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