Garten-Kolumne
1.12.2010  

Meditation über Kartoffeln

Kartoffeln: wie Weihnachten ........ Foto: Müller
Die Krautgartensaison 2010 ist zu Ende. Mein spätes Gemüse ist abgeerntet, mein Ackerstreifen wieder so leer wie am Anfang, es naht der erste Schnee. Wie zu Saisonbeginn erreichte mich ein Schreiben der Stadt. Es enthielt die Aufforderung: „Das Beet ist zu räumen, nicht verrottende Gegenstände (Schnüre, Stangen, Schuhe, PE-Töpfe etc.) sind unbedingt zu entsorgen.“
 
Schuhe musste ich keine von meinem Beet entfernen, dafür fand ich bei der letzten Kartoffelernte ein 20-Cent-Stück. Es muss mir irgendwann während der Arbeit aus der Hosentasche gefallen sein. Als Kind dachte ich noch, wenn man eine Münze in den Boden steckt, wächst ein Geldbaum. Dem ist leider nicht so. Aber der Kreislauf "ein paar Kartoffeln einpflanzen - die paar Kartoffelpflanzen pflegen - viel mehr Kartoffeln ernten", der hatte auch etwas von Zinseszins. Die Knollen ausgraben fühlte sich sogar an wie Geschenke unter dem Weihnachtsbaum hervorholen. Fazit: Kein Geldsegen aus meiner 20-Cent-Saat, aber trotzdem eine Art Rückfall in die Kindheit.
 
Verflixte Tomaten! ...... - Foto: Müller
Mit meiner Krautgarten-Nachbarin und auch mit Freunden war ich mir einig, dass 2010 "kein gutes Tomatenjahr" war. Dabei hatte ich mir mit den Tomaten besonders viel Mühe gegeben und die Mulchdecke um ihre Stengel herum regelmäßig erneuert. Meine Stauden haben wahrscheinlich zu viel Wasser abgekriegt. Ja, ein Dach darüber wäre wohl nicht schlecht gewesen. Allerdings: Menschen anderswo in der Republik hatten dieses Jahr ja eher Probleme mit wegschwimmenden Häusern als mit wässrigen Tomaten.
 
Was mich an den Tomaten aufgeregt hat: Einerseits wucherten die Stauden wie Unkraut, andererseits war es kompliziert, knackige Früchte daran zu züchten. Sogar aus Stecklingen wurden neue Sträucher. Auch verrückt: Manche Tomaten waren zwar noch grün, aber schon so dick und schwer, dass sie den ganzen Strunk zu Boden zogen, der sie trug. Genau wie ein Mensch, der den Ast absägt, auf dem er gerade sitzt. Bei diesen dicken und trägen Tomaten half selbst der lauteste Befehl: "AUF-STE-HEN UND GEFÄLLIGST AM STAB HOCH-RAN-KEN!!!" rein gar nichts.
 
Mit meinen Tomaten vor dem geistigen Auge habe mich selbst gefragt: Was hat dir das jetzt insgesamt gebracht, dieses Arbeiten und Herumexperimentieren auf diesem Acker, diese persönliche Annäherung an die jahrtausendealte Gärtnerkultur? Also, irgendwo habe ich schon vorher geahnt, dass Gemüsegärtnern etwas für mich ist. Es schafft einen Ausgleich. Erst konzentriert im Büro arbeiten und dann über die Hacke gebeugt auf andere Gedanken kommen: Das hat Spaß gemacht. Ab und zu kam ich richtig ins Schwitzen. Und nebenbei hat die Ernte geschmeckt. Kraut und Rüben, ich find das gut!
 
Wolfgang Müller
 
 

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