Folge 4: Schnecken-Schickeria

Derart wählerisches Gehabe war ich bisher nur von Kindern und neureichen Großstädtern gewohnt. Nun halten sich also auch Vorort-Schnecken für etwas Besseres.
 
© Eva Puchtinger
Bei unserer Rückkehr aus dem Urlaub morgens um zwei konnte ich mich gerade noch beherrschen und bin nicht sofort mit der Taschenlampe durch den Garten geschlichen. Der nächtliche Lichtkegel hätte in der Nachbarschaft fehlinterpretiert werden können …
 
Aber bei Helligkeit hielt mich nichts mehr. Gespannt und gleichzeitig völlig entspannt steuerte ich auf das Gemüsebeet zu. Denn ich wusste: Egal, was mich dort erwartet, ich hätte ja ohnehin nichts dagegen unternommen. So fühlt sich also vollkommene Gelassenheit an.
 
Meinem Salat ging es wie mir. Gänzlich ungerührt und unberührt stand er da, war in den vergangenen 10 Tagen sogar stattlich gewachsen. Alles bestens. Und das, obwohl – wie ich mittlerweile erfahren hatte – die Nachbarin, die ich zum Gießen angeheuert hatte, während unserer Abwesenheit mehr damit beschäftig war, Topf-Untersetzer auszukippen als Gießkannen zu schleppen.
 
Was war da los? Was, wenn ich mit blanker Willenskraft Schnecken abschrecken konnte? Es böten sich ungeahnte Möglichkeiten. Ich würde meine Fähigkeit landauf landab feilbieten – bis zum Spätsommer wäre ich reich! Dann ließ ich den Blick schweifen und schnell waren alle Was-mache-ich-nur-mit-dem-vielen-Geld-Sorgen vergessen.
 
Unweit der Salatköpfe hatten sich Stangenbohnen-Sämlinge an die Luft gewagt und für diesen Mut sofort gebüßt. Zwei Meter dahinter stand ein Kasten, in den ich Samenmischungen mit verheißungsvollen Namen wie „Essbare Blüten“ und ”Bienenglück“ gesät hatte. Möglicherweise gebe ich der Saatgutfirma den Tipp, künftig einen Mix aus Moschusmalve, Stiefmütterchen, Fruchttagetes und Schabziger Klee unter dem Namen „Schnecken-Himmel“ zu vertreiben.
© Eva Puchtinger
 
Bevor meine Gelassenheit die Gelegenheit nutzte sich davonzuschleichen, säte ich rasch einige Bohnensamen nach und zog meinen Schnecken-Feinkost-Kasten an einen sonnigeren Platz. Das ist erlaubt, so steht es in meinen Spielregeln. Wäre doch gelacht, wenn nicht wenigstens ein paar Blüten für den Salat und die Bienen blieben.
 
Eine Garten-Saison lang will kraut&rüben-Redakteurin Eva Puchtinger die Schnecken in ihrem Garten ignorieren und nichts gegen sie unternehmen. Warum? Inspiriert von einer Leserin soll dieses Experiment die Sichtweise ändern. In Zukunft ist der Salat zur Hälfte knackig-köstlich, nicht halb angefressen.


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