Garten-Kolumne
2.04.2010  

Unkraut im Acht-Blatt-Stadium

Krautgärtner Wolfgang Müller
Dass ich vor fast einem Jahr eine Nachricht an das Kommunalreferat geschickt und mir darin gewünscht hatte, Kleinstbauer auf städtischer Flur sein zu dürfen, war mir zwischenzeitlich beinahe wieder entfallen. Bis Anfang des Jahres mein Mobiltelefon klingelte.
 
Es hatte gerade frisch geschneit; alle Äcker, Wiesen und Häuser waren von einer kalten Flockenschicht überzogen. Die Dame am anderen Ende der Leitung verlor keine Zeit. In knappen Worten erklärte mir die Stadtbeamtin, ich sei 2010 dabei. Ich müsste nur noch erklären, wie groß die Parzelle sein soll, die ich bewirtschaften wolle – 30, 60 oder 90 Quadratmeter?
 
Ich habe von Gartenarbeit keine Ahnung. Wie lange braucht ein junger Mann, um einen 30-Quadratmeter-Acker zu bestellen? Vor meinem geistigen Auge stand ich schon schwitzend in der Sonne und jätete Unkraut mit ... äh, mit einer Jätmaschine? Quatsch, doch wohl eher mit einer Hacke, schoss es mir durch den Kopf. Kurzerhand entschied ich mich für die kleine Parzelle. Aller Anfang ist bescheiden.
 
Die Stadt schickte ein Informationsschreiben. Nach der Parzellenübergabe soll ich sofort mit dem Hacken beginnen, und zwar „so lange sich das Unkraut noch im Zwei- bis Vier-Blatt-Stadium befindet.“
 
Prima, mit diesem Hinweis hat mir das Kommunalreferat gleich das nächste Rätsel aufgegeben: Ist „Zwei-Blatt-Stadium“ gut gemeintes Behördendeutsch, oder weiß eigentlich jeder Balkongärtner, dass Unkraut im Acht-Blatt-Stadium bereits ein tendenziell unbezwingbarer Gegner ist?
 
Scheint jedenfalls so zu sein, dass man für seine Ernte kämpfen muss. Dabei träume ich schon von eigenem Salat, Radieschen, Karotten und Zwiebeln. Ich stapfe schließlich ins Gemüsebeet, weil ich gesunde Pflanzen großziehen und dann essen möchte. Und, ja, auch weil ich als Städter irgendwie den Bezug zu körperlicher Arbeit verloren habe.
 
Meine berufliche Handarbeit beschränkt sich meistens dann doch auf das Schreiben mit zehn Fingern. Mein Leitspruch für dieses Jahr lautet daher: „Erst auf die Erde einhacken, dann auf die Laptop-Tastatur.“ Zur Not mit vor Anstrengung zitternden Händen.
 
Fortsetzung folgt ...

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