10 Fragen an Marianne Scheu-Helgert

Marianne Scheu-Helgert
Marianne Scheu-Helgert, fotografiert von Meike Moser

Marianne Scheu-Helgert ist langjährige Autorin bei kraut&rüben. Die studierte Gärtnerin betreut an der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim Projekte für das Freizeitgärtnern. Ihre große Leidenschaft ist die Selbstversorgung aus dem eigenen Garten. Christina Freiberg hat sich mit ihr unterhalten.

k&r: Frau Scheu-Helgert, in punkto Selbstversorgung macht man Ihnen so schnell nichts vor. Den Anbau von Gemüse und auch Obst kennen Sie von Kind auf. Haben Sie Ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht?

Über den Umweg einer Ausbildung zur Zierpflanzengärtnerin wandte ich mich bereits im Studium wieder mehr den „nützlichen“ Kulturen zu, die ja oft auch sehr dekorativ wirken. Eigenes Gemüse ist für mich moderner Luxus pur: unvergleichliche Frische, intensiver Geschmack, Düfte aller Art, eine Riesenvielfalt an Farben und Formen. Manche Arten schmücken den Garten, andere sind einfach nur imposant. Immer verlocken Blätter, Blüten oder Wurzeln zum Naschen direkt am Beet, oder aber auch zu überraschenden Geschmackserfahrungen in der Küche. Beispiele für kulinarischen Luxus aus dem eigenen Garten: Schwarzwälder Kirschtorte mit eigener ‘Schwäbischer Weinweichsel‘ wie früher, Hutzelbrot mit eigenen Birnen der Sorte ‘Gute Graue‘ oder ein frühsommerlicher Salat aus bodenfrischen Kartoffeln ‘Sieglinde‘ – das alles gibt es nicht zu kaufen.

Sie leiteten bereits in den 80er Jahren an der LWG die Informationsstelle für Haus- und Kleingärtner – sie war Vorläufer der Bayerischen Gartenakademie – und waren in Bamberg für den Versuchsbetrieb für ökologischen Gemüsebau zuständig. Wie hat sich das Interesse der Hobbygärtner im Lauf der Zeit gewandelt?

Es ist von einem guten Niveau stetig gewachsen. Die Schwerpunkte haben sich immer wieder mal verschoben, zunächst weg vom Nutzgarten, hin zum Rasen und zu Hecken. Heute freue ich mich über das immer stärkere Interesse an Obst und Gemüse, aber auch an standortgerechten und somit attraktiven und zugleich pflegearmen Stauden- und Gehölzpflanzungen. Das wachsende Interesse lässt sich auch daran ablesen wie oft Gartenthemen in den letzten Jahren in der Tagespresse auftauchen, auch in der überregionalen – sie kennt die Lieblingsthemen ihrer Leser genau. Und im selben Zeitraum ist ja auch „kraut&rüben“ gewachsen. Viele meiner Fachkollegen haben inzwischen auch den Freizeitgartenbau in ihre beruflichen Aktivitäten aufgenommen. In den 80ern wurde ich als Gartenbauingenieurin manchmal noch belächelt, wenn ich gartenbauwissenschaftliche Erkenntnisse in eine dem Laien verständliche Sprache weitergab.

Sie sind für Ihr fundiertes Fachwissen und vielseitige Interessen bekannt. Haben Sie einen siebten Sinn für Trends im Biogarten?

Ich habe einfach das Glück, mich sowohl im Beruf als auch in der Freizeit mit dem Garten beschäftigen zu können. Gestern beriet ich in einer Arbeitsbesprechung zusammen mit Fachberatern die Probleme der Erwerbsgärtner mit den neuen Regelungen zum Pflanzenschutzgesetz. Heute diskutiere ich mit Kollegen aus Bamberg über den zunehmend gewünschten Ersatz von Bio-Düngemitteln tierischer Herkunft durch welche auf pflanzlicher Basis. Die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu: Weißklee (selbst siliert) ist die effizienteste Art der eigenen Düngererzeugung. Da ergibt sich automatisch die Idee zur Verwertung kleereichen Rasenschnittes im eigenen Garten – ob frisch oder getrocknet.

Insgesamt beobachte ich den Erwerbsgartenbau, auch den Bioanbau, und kann Querverbindungen vom Erwerbs- zum Freizeitgartenbau ziehen. Außerdem stehe ich in guter Verbindung zu den Verbänden des Freizeitgartenbaues und bin schließlich auch privat im Verein und im eigenen Garten immer mit den neuesten Trends befasst. Sehr schnell kann ich somit Neuheiten aus den verschiedensten Bereichen selbst ausprobieren. Und dadurch kann ich sehr häufig frühzeitig interessante Trends von Eintagsfliegen unterscheiden.

Das Thema Klimawandel im Garten ist inzwischen auch im Freizeitgarten angekommen. Wie sind Ihre Erfahrungen und Beobachtungen was dies betrifft?

Wir beobachten es ja alle: Kurze Winter, frühe Entwicklung mit jedoch stets akuter Spätfrostgefahr, heiße, trockene Sommer, sehr lang anhaltende Herbstmonate und immer wieder Überraschungen aller Art, wenn alles dann doch einmal ganz anders ist. Mit am wichtigsten erscheint mir die Gartennutzung im Herbst: Ein von Oktober bis Weihnachten grüner Garten, voll mit Spinat, Gartenkresse, Eichblattsalat, Radicchio, Zuckerhut, Chinakohl und Grünkohl ist nicht nur viel umweltfreundlicher, sondern auch dekorativer und nützlicher im Vergleich mit einem, der bereits im Oktober abgeräumt wurde. Meine Äpfel lagern von der Ernte bis zum deutlichen Frosteinbruch gut verpackt im Freien und blieben dieses Jahr bis Februar knackfrisch draußen. In den anschließenden Wochen, im nicht allzu kalten Keller, altern sie dann etwas schneller.

Sehen Sie es als Vorteil an, dass es dadurch eher möglich sein wird, hierzulande auch vermehrt exotische Gemüse wie die Süßkartoffel oder Sojapflanzen anzubauen? Oder ist das eine Konkurrenz für heimische Gewächse?

Neues war immer schon mehr oder weniger schnell in unseren Gärten. Meine Mutter berichtet von der ersten Tomate im ländlichen Familiengarten in den 30er Jahren. Ich habe erlebt, wie Chinakohl und Zucchini unsere Beete erobert haben. Das Bessere wird schnell zur Konkurrenz für das Gute. Derzeit gibt es besonders viele Neuheiten, und weil vom Bewährten immer etwas bleibt, steigt die Vielfalt in unseren Gärten. Schlimme Konkurrenz gibt es bei mir nur, wenn ich mich aufgrund der begrenzten Beetflächen – und leider auch aufgrund begrenzter Zeit für den Garten – doch wieder einschränken muss. Soja bleibt wohl überwiegend Feldkultur, die Süßkartoffel eine absolut pflegeleichte und zuverlässige Kultur in Garten und Balkon (Buch-Tipp: Süßkartoffeln selbst anbauen und genießen, KOSMOS-Verlag). Auf der Schaufläche in Veitshöchheim bereichern Süßkartoffeln unseren Anbauplan heuer bereits im vierten Jahr.

Früher war Saatgut mal Gemeingut. Sind die Vorbehalte gegenüber modernen F1-Hybridsorten berechtigt, weil man diese nicht sortenecht vermehren kann und man den kostenpflichtigen Sortenschutz weniger Züchter mit dem Kauf jeder Tüte unterstützt?

Natürlich ist es schöner, wenn jeder selbst eigenes Saatgut nachziehen kann. Und das gelingt auch sehr gut bei vielen Arten. Es gibt allerdings auch Gemüsearten, wie Chicorée oder auch Gurken, wo samenfeste Sorten im Vergleich zu Hybridsorten nicht so zuverlässig zu einem vergleichbar gesunden, großen, zarten Ernteprodukt heranwachsen. Da stecken wir alle und besonders übrigens auch viele Bio-Erwerbsbetriebe in einem unangenehmen Konflikt.

Manche Gärtner schwören auf den Einsatz von Terra preta und Effektiven Mikroorganismen. Wie sind Ihre Erfahrungen auf diesem Gebiet?

Nach dem ausführlichen Studium von Versuchsergebnissen unterschiedlichster Stellen, auch im Gemüsebauversuchsbetrieb Bamberg, beobachte ich zwar weiterhin aufmerksam alle Praxisberichte dazu, setze sie aber nicht mehr selbst ein. Aktuell läuft an der LWG ein Forschungsprojekt im Zierpflanzenbau zu diesem Thema – wir alle sind gespannt auf die Ergebnisse.

Momentan ist das Thema Urban Gardening in aller Munde. Sie haben im Jahr 2016 dazu sogar eine Fachtagung an der LWG moderiert. Hat das öffentliche Gärtnern in der Stadt tatsächlich inzwischen eine so große Bedeutung?

Wir alle sollten uns damit befassen, nicht nur weil das Thema in der Öffentlichkeit und auch bei den Entscheidungsträgern viel Aufmerksamkeit genießt. Nutzpflanzen, ganz in der Nähe des Verbrauchers gewachsen, waren Jahrhunderte/Jahrtausende lang eine Selbstverständlichkeit für alle, insbesondere auch für Kinder. Lediglich in den 60er Jahren, mit dem Aufkommen der Supermärkte, war genussfrisch geerntetes Gemüse eine Zeitlang scheinbar altmodisch: „Ja der Opa baut noch an, aber das ist ja alles im Supermarkt viel billiger!“ Auch wenn sich eine Stadt wohl nur zum geringsten Teil selbst versorgen werden kann: Bereits kleine Projekte bringen Gemüse und Kräuter einfach als Thema in den Alltag. Und viele kleine Projekte – in Großstädten gibt es unüberschaubar viele Aktivitäten – werden zu einer großen Bewegung zum Selbermachen und zum erntefrisch Genießen.

Dazu passt ja das momentan große Interesse an Hochbeeten. Führen Sie zu deren angeblichen Vorteilen auch wissenschaftliche Versuche an der LWG durch?

Wir haben mehrere Hochbeete verschiedenster Bauart in den Schaugärten in Veitshöchheim und Bamberg, mit denen wir Erfahrungen sammeln. Exaktversuche gibt es nur vereinzelt, zu einzelnen Arten oder mit Kübeln in unserem Zierpflanzenbetrieb. Objektive Sortenvergleiche finden in Bamberg statt. Ansonsten ist recht bekannt, worauf es ankommt: möglichst große Gefäße, hochwertiges Substrat und pünktliche Wasserversorgung.

In den letzten Jahren kam noch ein neues Betätigungsfeld an der LWG dazu: Die Qualifizierung von Gästeführern Gartenerlebnis Bayern. Da entstehen scheinbar ganz neue Berufsfelder. Wie ist die Resonanz?

Seit 2012 haben rund 90 Gästeführer die Qualifizierung abgeschlossen und das Interesse nimmt stetig zu. Ab Ende Februar findet wieder ein neuer Kurs in Veitshöchheim statt, im Oktober folgt ein Kurs in Niederbayern und im Frühjahr 2019 in Lindau. Wir sehen die Gästeführer als Botschafter für Bayerns vielfältige Gartenkultur und seine sehenswerten Gärten, von denen man sich unter www.gaerten.bayern.de ein erstes Bild machen kann. Sie halten das Thema lebendig und präsent, fördern den Gedankenaustausch vieler Freizeitgärtner untereinander und präsentieren Gärten erlebnisreich für neue Gartenfreunde.

Vielen Dank, Frau Scheu-Helgert.

Aktuelle Erfahrungen teilt Marianne Scheu-Helgert mit Ihnen im Gemüseblog der Bayerischen Gartenakademie unter www.lwg.bayern.de/gartenakademie-gemueseblog

Weitere Infos unter: www.lwg.bayern.de/gartenakademie

Viele weitere spannende Themen finden Sie in der März-Ausgabe der kraut&rüben …

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